Streifen, Sterne, Punkte, Blitze oder einfach nur glatt und monochrom in Blau und strahlendem Orange.
Was hat man sich dabei gedacht?
Das Porzellanmuseum im Augarten zeigt diesen erfrischenden Eigensinn in seiner neuen Jahresausstellung. Radikal wirkt der Wandel von reicher Ornamentik zu rationaler Schönheit, die selbst im 21. Jahrhundert überraschend modern erscheint. Die Zeit zwischen 1800 und 1830 war an Buntheit kaum zu übertreffen, jedoch alles andere als einfach und sorglos. In Lebensräumen sowie den Dingen des Alltags leuchtete sie als unmissverständliches Signal optimistischer Visionen und dem Sehnen nach Individualität und einer besseren Welt.
Napoleon mischte Europa auf und besetzte Wien, die kaiserliche Familie musste fliehen, die Porzellanmanufaktur schickte vorsorglich ihre wertvollste Ware auf Donauschiffen nach Ungarn. Wirtschaftliche Engpässe und Unsicherheit folgten, die restriktive Politik brachte kritische Stimmen zum Schweigen. Doch zugleich ließen sich weder die neuen Wissenschaften noch die Künste aufhalten. In allen Bereichen des Dekorativen wurde der Verzicht auf vordergründigen Luxus zur zeitgenössischen Kostbarkeit. „Wahrheit“ und „Harmonie“ zählten zu den wesentlichen Ingredienzien eines zeitgemäß guten Geschmacks.
Auf kühnen Canapés saßen also Damen und Herren mit Kaffeeschalen dekoriert in Komplementärfarben oder gar im Stil ihrer Kleidung, während vielleicht über Goethes Farbenlehre und die sinnlich sittliche Wirkung von Farbtönen auf das Gemüt geplaudert wurde. „Colour blocking“ ist nicht neu, wenn auch beispielsweise der zarte Verlauf der kräftigen Farbstreifen in den 1820er Jahren nach Iris, der Götterbotin und Personifikation des Regenbogens benannt war. Sie diente als Namensgeberin einer neuen Drucktechnik auf Papier und Stoff, die als optische Illusion in feiner Handmalerei auf Porzellan übertragen wurde.
Die kaiserliche Porzellanmanufaktur in Wien bezog die Stärke ihres Designs aus der aufmerksamen Beobachtung des Weltgeschehens. Naturerscheinungen wie ein Vulkanausbruch mit globalen Folgen oder aktuelle Moden, die Entwicklung bahnbrechender Technologien oder Farb- und Kunsttheorien, der „Geist der Zeit“ blickte weit über die Grenzen der Vergangenheit.
Geöffnet Montag bis Samstag 10 bis 17 Uhr, an Sonn- und Feiertagen geschlossen